Yazdır
Kategori: Depression

 Vorgeschichte:

1994 hatte ich schon einmal eine schlimme Krise. Früher waren für mich die Meinungen anderer ganz wichtig. Mein Selbstwertgefühl war zu dieser Zeit total im Keller. Ich hatte Angst- und Panikattacken. Auch eine Schilddrüsenstörung wurde in dieser Zeit festgestellt – leider sehr spät, so dass ich mich sehr lange auch körperlich schlecht gefühlt hatte. Es folgte Psychotherapie und OP der Schilddrüse, die medizinisch dann ok war. Aber bei mir war nichts mehr so wie vorher – ich hatte vegetative Beschwerden und es dauerte seine Zeit, bis ich wieder zu mir fand.



Richtig sicher und selbstbewusst war ich (nun im Nachhinein betrachtet) aber auch da noch nicht. Das - muss ich sagen - kam erst nach der PPD, aus der ich für die Zukunft viel gelernt habe.

PPD:


Mein Sohn ist jetzt 7 Jahre alt und ich liebe ihn über alles – das war auch während der PPD so, nur hatte ich so viel mit mir selbst zu tun, dass ich einfach nicht diese Liebe frei leben konnte. Ich sah nur den Berg vor mir, den ich nun nicht mehr allein besteige. Ich musste mich erst einmal an diese „Mutterrolle“ gewöhnen.

Schon vor der Schwangerschaft war ich mir nicht ganz sicher, ob ich das wohl so hinbekommen würde – ganz viele Gedanken schon im Vorhinein – ich war schon zu sehr bei der Situation Geburt und sogar schon Kindergarten/Schule? Doch trotzdem wollte ich so gerne ein Kind – habe mich gestärkt genug gefühlt. Und dann klappte es ganz schnell: ich war schwanger.
Ich habe mich riesig gefreut.

Doch schon kurz danach kamen die Zweifel: ob das wohl gut geht?
Diese Gedanken katapultierten mich wieder in die Zeit von 1994. Die Selbstzweifel, Ohnmachtsgefühle und auch körperliche Beschwerden kamen wieder. Ich fragte mich und redete mir ein, ob es nicht besser gewesen wäre, wenn ich nicht schwanger geworden wäre. Auch mein Kind hätte es besser, wenn ich „Gedankenverlorene“ nicht seine Mutter werden würde. Das Karussell in meinem Kopf drehte sich unaufhörlich. Ich konnte nicht gut schlafen, hatte Alpträume, dachte das Kind bekommt durch meine "Verrücktmacherei" nur Schaden.

Die Geburt war dann für mich auch kein schönes Erlebnis.
Ich hatte keine gefühlvolle Hebamme, musste anschl. noch zur Not-Ausschabung, mein Kleiner kam für 24 Std. in eine Kinderklinik, weil er am 3. Tag noch kein Pipi gemacht hatte.
„Fettnäpfchen“ gab es genug und ich bin natürlich auch in jedes getreten.
Schon dort war ich nicht ich selbst, ich stand irgendwie neben mir und mein Kind bzw. meine Rolle als Mutter war mir fremd. Ich habe viel geweint, da schon eine Fassade aufgebaut. Ich dachte da aber noch: "Naja, so ist halt Baby-Blues! Das geht ja nach 2 Wochen vorbei. Es ist ja normal, wenn ich mich jetzt noch so fühle." Meine Gedanken aber, die haben mich fertig gemacht.

Wieder zuhause wäre ich am liebsten fortgelaufen.
„Und dann“, fragte ich mich. Nein, quatsch, das wollte ich auch nicht.
Ich versuchte, ALLES - was auch immer das ist - richtig zu machen. Dabei stand ich mir selbst im Weg. Ich habe zu viel in die Zukunft gedacht, das JETZT konnte ich nicht genießen. Und das sog. "Muttersein" auch nicht, diese Verantwortung war zu viel für mich. Ich dachte, wenn er nicht geboren wäre, wäre es gewiss besser gewesen. Ich war der Meinung, das schaffe ich nicht. Wer weiß, was noch kommt? Grübelei ohne Ende, obwohl ich doch gar keinen Grund dazu hatte.

Und als mein Mann arbeiten ging, war ich ALLEIN.
Ich habe zwar soweit alles erledigt (wie Haushalt, Kind versorgen), gefühlt habe ich mich aber "wie neben mir stehend". Alle anderen haben dank der guten Maskerade nichts gemerkt. Insgeheim war ich ängstlich, genervt, gestresst und habe viel geweint. Die Phasen wechselten, manchmal dachte ich auch: jetzt geht's wieder. Meinem Mann konnte ich mich anvertrauen – das konnte ich die ganze Zeit, aber trotzdem kam ich mir irgendwie allein vor (weil nur ich es mir so schwer machte).

Ich habe mich ganz schwer an das Alleinsein mit meinem Sohn gewöhnen können. Ich habe die Tage gut verplant, immer so, dass ich etwas vorhatte. Besuch war mir nicht so recht, da hatte ich Angst, ich kann meine Maskerade nicht mehr wahren. Alle waren so happy - und ich? Ich hatte Angst, etwas "falsch" zu machen.

Es hat mich fertiggemacht, zu überlegen, ob ich auch alles habe und was ich noch organisieren und erledigen muss. Nachts lag ich wach. Das Baby schlief. Auch tagsüber hat er viel geschlafen und diese vorgegebenen 4 Stunden Stillabstand damit eingehalten. Aber mir fiel die Decke auf den Kopf. Ich versuchte, wenigsten in der Zeit, in der er schlief, etwas Schlaf nachzuholen, aber das ging nicht. So habe ich mich selbst fertiggemacht und irgendwie Beschäftigung gesucht. Ich musste auch immer etwas "Nützliches" tun, nicht einfach nur Fernsehen oder einen Roman lesen. Nein, es musste in Zusammenhang mit dem Muttersein stehen, d.h. nützliche Elternzeitschrift lesen, Haushalt.
Ich habe gestillt, wollte es auch genießen. Aber mein Baby war sehr unruhig dabei und es hat ewig gedauert. Und auch da dachte ich im Karussell: „Reduziere ich, wann kann ich ganz aufhören? Aber morgens früh nur, wäre doch ganz schön?! – und nicht den ganzen Tag. Aber warum dann nur morgens – du stellst dich doch an!“

Ich war immer froh, wenn mein Mann wieder zuhause war.
Eigentlich war ich froh, den Kleinen auch mal ihm zu überlassen - und trotzdem viel es mir schwer, dies zu tun. Gönnte ich mir mal eine Auszeit, hatte ich noch ein schlechtes Gewissen. Hilfe von Familie und Freunden habe ich nicht annehmen wollen. Dabei wäre es so einfach gewesen, das auch anzunehmen und zu genießen. Mir wäre es damals lieb gewesen, wenn ich mal in aller Ruhe einen Stapel Wäsche hätte bügeln können und jemand hätte mein Baby spazieren gefahren. Später war mir klar, dass ich dies damals sogar meinen Eltern verwehrt habe, nur weil ich dachte, ich wäre nun Mama und müsse mich auch selbst kümmern. Erst als er 1 Jahr alt war, hat er dort zum ersten Mal geschlafen. Dabei hätten sie sich auch so gefreut darüber, ihn mal zu verwahren.

Schlimm war auch, dass jeder nach dem Befinden von unserem Kind fragten: „Schläft er schon durch?“ „Ja, das tut er – haha“, dachte ich, „ICH ABER NICHT!“ Ich dachte, warum interessiert das niemanden? Heute weiß ich, dass ich auf eine solche Frage geantwortet hätte: „Nein, ich bin müde und ich schaffe es nicht so gut.“ Davor hatte ich aber Angst und dachte, das steht mir auch gar nicht zu, weil ich mich doch nach 4 Wochen eigentlich an das Muttersein gewöhnt haben müsste. Das ist genauso, wie man auf die Frage: „Wie geht's?“ auch nur belanglos antwortet: „Gut!“ Aber in Wirklichkeit ist es ja meist nicht so. Und andere wollen das auch oft gar nicht so genau wissen.

Aber für diese Gefühle, Fragen und Antworten gibt es Verein Schatten und Licht: Frauen, die genauso denken, die sich kein Urteil erlauben und auch NUR zuhören können.
So war ich damals überglücklich, dass meine Hebamme die SHG hier bei uns kannte. Dort bin ich dann hin. Endlich traf ich Mütter, die ähnlich empfanden, dort konnte ich alles erzählen. Ich habe mich verstanden gefühlt und war nicht mehr so allein.

Mit Mutter/Vater-Kind-Kur (mein Mann kam mit - allein hätte ich es zu der Zeit noch nicht geschafft ), Gesprächstherapie, Alternativmedizin, Entspannungstechnik (Yoga vor allem) und durch "mich wieder öffnen" wurde ich wieder ICH SELBST und noch mehr. Gewachsen bin ich auch. Da merkte ich erst, wie viele Mütter es doch eigentlich gibt, die in gewisser Weise mehr oder weniger "Probleme" haben. Und wie „normal“ ich doch eigentlich bin. Und so nach und nach merkte ich auch, wie viel ich doch schaffe und wo meine Entscheidung und Gefühl richtig waren.
Heute ist mir endlich klar, dass ich so bin wie ich bin. So wie ich denke und fühle, akzeptiere ich mich. Inzwischen weiß ich, was mir wieder gut tut. Es fällt mir nicht mehr schwer, etwas für mich zu tun (sei es Nichtstun oder Arbeit). Auch meinen Sohn kann ich mit ruhigem Gewissen abgeben. Ich habe neue Hobbys, Aktivitäten wieder neu entdeckt oder manches ganz neu angefangen.

Mein Kind gibt mir so viel zurück. Ich kann mir nicht mehr vorstellen, dass er gar nicht mehr da wäre. Und ich habe ihm auch einiges mitgegeben. Weil ich es schaffe, zuzuhören, fällt es mir leichter, auf ihn einzugehen. Und ich denke, so wird auch er mit anderen später umgehen. Ich kann mir nun Meinungen anderer anhören, ohne gleich an meinem Selbstwertgefühl zu zweifeln.

Immer mehr merke ich, welche verbohrten Gedanken und Meinungen in unserer Gesellschaft herrschen. Das kann ja nur Verunsicherung und Angst mit sich bringen. Und wer wäre da besser als Angriffsfläche zu nutzen als wir zum ersten oder wiederholten Male werdenden "frischen" Mütter.

Da gibt es für keine eine Norm, der man entsprechen muss!

Ich möchte allen Mut machen, über Gefühle zu reden (zumindest erst einmal hier unter uns und bei nahestehenden Personen). Nach und nach auch bei anderen Menschen.
Ansonsten auch einmal zu sagen: „Ich will“, „NEIN“ und „JA“ und „Bitte“.

Ich finde es wichtig, zu merken, was einem gut tut.