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Kategorie: Depression

Mir geht es sehr gut!
Ich bin glücklich!
Ich liebe mein Leben!

Drei Sätze, von denen ich geglaubt habe, sie nie mehr sagen zu können.
Von denen ich mir aber so sehr gewünscht habe, sie wieder sagen zu können.

 

Ich möchte hier jetzt gar nicht alle meine Einzelheiten der Geburt und der Zeit danach erläutern. Sicher hätte vieles anders und auch besser laufen können, aber ist das nicht bei uns allen so?
Jeder hat irgendwie seine eigene Geschichte und seine eigenen Umstände und Begleiterscheinungen, aber letztendlich verbindet uns eine traurige Gemeinsamkeit. So individuell unsere Leben auch verlaufen sind, wir haben alle die Erfahrung einer Postpartalen Depression gemacht!

Ich bin über ein Jahr lang mit der PPD herum gelaufen, ohne zu wissen, was mit mir los war. Da es mein 1. Kind war, wusste ich nicht, ob der „Zustand“ normal war, oder ob etwas nicht stimmte. Natürlich weiß man intuitiv, dass etwas ganz und gar nicht okay ist, aber man will es selbst nicht wahrhaben. Und irgendwie kann man es auch gar nicht benennen. Ich wusste nur, dass es so definitiv nicht normal sein konnte. Ich weinte unglaublich viel, und das weit über die „Heultage“ hinaus. Ich fühlte mich oft überfordert. Je länger das anhielt, desto mehr wollte ich dieser Situation entfliehen.

Wo war das Gefühl, glücklich zu sein? Wo war diese allseits genannte Mutterliebe?
Wo war die Erfüllung - wo das Gefühl, dass das Leben perfekt ist zu dritt?

Alles davon blieb aus! Ich weinte … heimlich … riss mich wieder zusammen, wenn jemand anderes im Raum war. Ich lächelte, wie eine Mutter zu lächeln hatte. Ich nickte, wenn alle meinten, wie glücklich ich doch sein müsste. Ich versorgte, liebkoste, sang, knuddelte, badete, fütterte, lachte, als wäre alles normal und gut. Aber das war es nicht. Ich vergaß mich zu versorgen, für mich zu lächeln. Ich war müde von den Nächten, konnte mir den fehlenden Schlaf tagsüber nicht gönnen. War ständig in Alarmbereitschaft und in Bewegung, auch um meinen Kopf still zu bekommen, der meine Gedanken rasen ließ.

Ich habe im ersten Jahr Tagebuch geschrieben, monatsweise, und bewusst alle Gefühle heraus gelassen. Wenn ich es jetzt lese, dann lese ich das Buch einer normalen glücklichen Mutter in dem aufregenden ersten Babyjahr. Alles normal: lachen, weinen, Zähne, Brei, rumalbern, Besuche usw. Nicht weist auf meinen inneren Kampf hin. Letztendlich bin ich froh, dass ich es geschrieben habe, denn so weiß ich, dass vieles normaler und schöner war, als ich es in meiner Erinnerung wiederfinde. Und mir ist auch klar geworden, dass mir niemand helfen konnte, wenn es nach außen hin allerdings so aussah, wie es in den Notizen zu finden ist. Wir waren eine glückliche kleine Familie, die zusammen wuchs. So schien es wenigstens, auch wenn es in Wirklichkeit ein viel weiterer Weg war und viel länger gedauert hat.

Letztendlich waren über 2 Jahre Therapie notwendig, nur bedingt und kurzfristig Medikamente und eine Rehamaßnahme brachte mir dann endgültig mein ICH zurück, obwohl es mir zu dem Zeitpunkt schon sehr gut ging. Dort habe ich festgestellt, dass ich nicht, wie so oft erwähnt, mein altes Leben zurück haben wollte. Ein Satz, den jede von uns sicherlich schon verzweifelt von sich gegeben hat. Aber ich wollte gar nicht mein altes Leben – ich wollte tatsächlich nur mein altes ICH. Und das war noch da! Als ich das erste Mal wieder laut auflachte, erschrak ich selbst vor dem Geräusch. So lange hatte ich mich selbst nicht mehr lachen hören.
Anschließend kamen mir direkt wieder die Tränen. Ein wenig aus Selbstmitleid, weil ich es traurig fand, dass mir so lange das echte Lachen verwehrt war. Aber auch aus Freude, dass es wieder da war - dass sich ein Gefühl von echter Freude einen Weg bahnte.

Als ich das erste Mal wieder von alleine die Arme meines Mannes suchte, damit er mich ganz fest hielt und ich es genoss, wie viel Liebe da durch seine Arme strömte, das war ein solch wundervoller Augenblick. Es gab eine Zeit, in der ich sicher war, ihn nicht mehr genug zu lieben – dann eine Zeit, in der ich sicher war, dass er mich nicht mehr lieben könnte. Nur tief in mir wusste ich, dass wir eine ganz außergewöhnlich starke Liebe vor der PPD hatten – und daran hielt ich mich fest und klammerte mich daran. Wenn ich diese wahnsinnige Kluft zwischen uns spürte, obwohl wir nebeneinander auf dem Sofa saßen, dann erinnerte ich mich jedes Mal daran, wie glücklich wir vorher waren und dass das nicht einfach weg sein konnte.

Und natürlich erinnere ich mich an den Moment, an dem mich zum ersten Mal diese wundervolle Mutterliebe durchströmte. Einfach so aus dem Nichts heraus. Ich sah meinen Sohn an, wir lagen auf seinem riesigen Kuschelkissen und ich sah mit ihm ein Bilderbuch an. Als wir uns dabei kurz in die Augen sahen, war es soweit. All meine Liebe überfüllte mein Herz, schäumte über und wärmte meinen ganzen Körper. Ich liebe ihn mehr als mein Leben! Das habe ich immer gewusst und auch gelebt – aber zum ersten Mal fühlte ich es auch!

Das alles waren Meilensteine in der PPD. Meilensteine, die mir immer wieder Hoffnung gaben. Dank Schatten & Licht und dem dazugehörigen Forum wusste ich, dass alles wieder gut werden würde – auch wenn ich es oft nicht glauben wollte. Aber die Hoffnung habe ich nie aufgegeben. Ich habe gekämpft und getobt, geweint und kapituliert, nur um immer wieder aufzustehen. Aber letztendlich war es die Akzeptanz und die Geduld, die mich gesund gemacht haben. Ich musste erst einmal akzeptieren, dass ich krank bin. Ich musste lernen, damit zu leben, mich mitzuteilen und Hilfe zuzulassen. Und dann musste ich Geduld haben und auch nach all den Einbrüchen und weiteren Tiefs nicht aufgeben. Und mit jedem Tag wurde es besser.

Heute bin ich wirklich glücklich! Ich lebe immer noch mit meinem Mann zusammen. Wir haben gemeinsam durchgehalten. „In guten wie in schlechten Zeiten“, das gilt für beide Seiten. Nicht nur er musste mich aushalten, auch ich musste das durchstehen. Und wir sind wieder glücklich miteinander. Wir lachen, wir planen, wir feiern und wir spaßen. Und was meinen Sohn betrifft, so bin ich mir sicher, dass er keinerlei „Schaden“ durch meine PPD davon getragen hat. Er ist ein aufgewecktes und lustiges Kind. Die Herzen fliegen ihm zu, weil er einfach so ein sonniges Gemüt hat. Und ich weiß, dass ich dazu beigetragen habe. Vielleicht habe ich sogar mehr gespielt, gesungen und mich gekümmert, als im gesunden Zustand. Ich werde es nicht wissen. Aber ich weiß, dass sich meine Welt nur um ihn drehte und dass er davon profitiert hat. Ich habe nichts falsch gemacht und hätte auch nichts besser machen können. Und es tut unheimlich gut, das sagen zu können!

Ich will nicht so weit gehen wie manch andere, die sagen, dass die PPD sie weiter gebracht hat und auch etwas Gutes hatte. Nein, das stimmt in meinem Fall sicher nicht. Ich hätte sehr gut ohne diese Erfahrung leben können! Aber sie ist nun einmal gewesen. Ich musste lernen, mit ihr zu leben und sie zu akzeptieren und auch jetzt wird sie immer zu meinem Leben dazugehören. Ich habe aufgehört, damit zu hadern. Das „wieso“ interessiert mich nicht mehr. Es war so und geht es vorwärts in die Zukunft. Die PPD war da – sie hat mich verändert und sehr beeinflusst – aber ich bin noch da! Ich bin nachdenklicher, ruhiger, aber auch besonnener geworden. Ich bin nicht mehr so belastbar wie vor der PPD und auch ein paar Eigenschaften haben sich verändert. Aber was davon der PPD zuzuschreiben ist oder was zum normalen Muttersein dazu gehört, vermag ich gar nicht zu sagen. Definitiv ist, dass es einen sehr verändert, Mama zu werden.
Ob nun mit PPD oder ohne, es bleibt ein gewaltiger Umbruch des eigenen Lebens, des Denkens und des Handelns – und das gilt es erst einmal zu verkraften. Das ist schon eine Meisterleistung der Anpassung. Mit PPD wird es noch viel schwieriger und leider auch langwieriger.

Aber ihr alle werdet es, genau wie ich, schaffen und euch in eurem Leben wieder zurechtfinden und glücklich sein. Aber ihr müsst akzeptieren, dass ihr krank seid, dass ihr Hilfe annehmen dürft und dass ihr trotzdem stark seid. Aber je mehr ihr abgeben könnt, je mehr ihr Zeit zur Regeneration für euch habt, je mehr ihr mal „Fünfe gerade sein lasst“, desto besser wird es euch gehen. Die Messlatte hängt nämlich viel, viel, viel zu hoch!

Ich wünsche euch viel Glück auf eurem Weg!
Dass ihr ihn schnell findet und dass euch geholfen wird!
Denn man kann nicht alles aus eigener Kraft schaffen!

Mein Sohn ist inzwischen 3,5 Jahre alt. Das war wirklich ein langer Weg und mag im ersten Moment entmutigend klingen. Aber es ist doch nicht wichtig, wann man wieder glücklich wird, sondern nur dass man es wieder wird.
Und wir alle PPD-Mamis werden es wieder!
Ich bin es!