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Kategorie: Psychose

Kinderwunsch trotz schwerer Psychosen

In den letzten zehn Jahren hatte ich vier schwere Psychosen. Die letzte Psychose begann drei Tage nach der Geburt unserer Tochter Paula im Juni 2006.
Falls wir uns noch einmal für ein Kind entscheiden sollten, werden wir einiges anders machen.

Bevor ich schwanger wurde, setzte ich mich schon intensiv mit dem Thema Kinderbekommen auseinander. So fand ich z.B. im Internet ein Institut, bei dem man sich erkundigen kann, obbestimmte Medikamente während der Schwangerschaft oder Stillzeit für das Kind schädlich sind. (Embryonalforschung Embryotox: www.embryotox.de )Dort erfuhr ich, dass ich mein Medikament ohne Probleme weiternehmen kann.Außerdem suchte ich nach Literatur zu dem Thema psychische Erkrankungen und Kinderwunsch, wurde jedoch nicht so richtig fündig.Dann wurde ich schwanger. Ich genoss die Zeit sehr – auch wenn ich immer mal wieder gestresst war und dachte, ich müsste Geld verdienen. Was übrigens immer noch so ist, obwohlich als Hausfrau und Mutter sehr glücklich bin und wir von dem Gehalt meines Mannes gut leben können.


Ich war glücklich, freute mich auf unser Kind und war stolz auf meinen dicken Bauch.
Und nun kommt das Paradoxe. Obwohl uns klar war, dass nach der Geburt eine Psychose kommen könnte, spielten wir diesen Fall nie richtig durch.
Was machen wir, dass ich genug Schlaf bekomme, wo doch Schlafentzug der Auslöser schlechthin ist? Wer betreut Paula, falls ich in die Klinik muss? Gibt es vielleicht sogar eine Klinik, die Mutter und Kind aufnehmen? Gibt es eine Möglichkeit die Geburt so zu gestalten,
dass sie nicht zu stressig wird?
Jetzt im Nachhinein gesehen hätten eigentlich die Hebammen, der Frauenarzt und meine Psychiaterin mich besser darauf vorbereiten können, sie wussten ja von meiner Erkrankung.
Es ist schwer zu sagen, was der Auslöser dieser schweren Psychose war. Hormone, Schlafentzug, Stress... . Ich weiß es nicht. Es ist nicht rückgängig zu machen und vielleicht war es auch für irgendetwas gut.
Aber sollten wir noch ein Kind bekommen, wird es wahrscheinlich per Kaiserschnitt auf die Welt kommen, was enorm viel Stress vermeiden wird, und es wird auf jeden Fall ein Flaschenkind werden. So bekomme ich genügend Schlaf, und mehr Unterstützung durch meinen Mann, Familie  und Freunde.

Die Geburt war sehr anstrengend. Sie dauerte sehr lange und am Ende kam Paula dann doch per Kaiserschnitt auf die Welt.
Die Erinnerung an die Zeit im Krankenhaus ist sehr vage, die Grenze zwischen Normalität und Psychose war fließend.
Nach ungefähr drei Tagen war klar, dass ich in die Psychiatrie gehen muss. Drei Monate war ich dort stationär. In dieser Zeit versorgten mein Mann, meine Mutter und Freunde die kleine
Paula. Mein Mann kam mich jeden Tag besuchen und brachte Paula oft mit. Doch schon bald verlor ich den Zugang zu meiner Tochter, ich reagierte kaum noch auf sie. Wahrscheinlich
ausgelöst durch die Menge an Medikamenten, die in mich „reingepumpt“ wurde.
Selbst nach meiner Entlassung konnte ich Paula nicht voll und ganz annehmen.

Ganz langsam, schleichend, schloss ich sie in mein Herz. Sie ist jetzt zwei Jahre alt und ich kann mir ein Leben ohne sie nicht mehr vorstellen.
So sah es in mir drinnen aus: Freude. Freudige Erwartung auf die Geburt, keine Angst, eher Neugierde.
Dann die Wehen. Atmen, Wehen, Atmen, Wehen, fast wie in Trance. In den Pausen zwischen den Wehen Entspannung, totale Entspannung. Immer wieder ins Wasser in die Wanne. Kein
Zeitgefühl. Es tut sich nichts, es geht nicht vorwärts. Dann der Entschluss, mein Entschluss: ich möchte einen Kaiserschnitt.
Lachen...lustig, wie es wackelt - die ganze Liege wackelt, zum Glück sehe ich nichts.
Und dann ist sie da – Paula – und mit ihr die Liebe und das Glück.

Zeitlosigkeit, stillen, Schmerzen vom Kaiserschnitt, stillen, „Rooming-In“!! Dann irgendwann fange ich an, sie abzugeben an die Schwestern. Dann die Nacht gezeichnet von
Schmerzen. Das Kind schreit. Schreit vor lauter Blähungen. Ich singe, wiege, Schnuller, schreien, Schmerzen, singen, „The river is flowing!“ Wie in Trance. Zeitlosigkeit.
Nächster Tag: Wutentbrannt stampfe ich barfuß zur Pforte. „Wo ist der Koch?“ Ich brülle: „Was fällt ihm ein, blähendes Essen zu kochen?“ Ich renne nach draußen, lasse einen Urschrei los...

Irgendwann sind sie alle da: Mama, Papa, mein Mann - sie bringen mich in die Psychiatrie. Ich kenne die Station, altbekannt von damals. Sitze am selben Platz. Rückkopplung. Namen verwirren mich. Die ersten Tage schlafe ich auf dem Flur, „Campingurlaub“ und „Aktiv – Passiv – Rauchen“. Ich mische die Station auf. Bin rastlos, zeitlos, kinderlos. Schmiere mich mit Butter ein - das soll doch gut für die Haut sein, sagt man doch, oder?!
Sie müssen mich ans Bett fesseln, ich will es selbst. Ich bin laut, knalle Türen, habe Angst zu sterben.
Dann komme ich auf ein Einzelzimmer: „Hotelurlaub All-Inklusive“. Habe immer noch wahnsinnige Angst vorm Tod.

Paula rückt immer weiter weg von mir. Dann ein letzter Versuch, ihr nahe zu sein. Ich reiße aus - laufe nach Hause - will zu meinem Kind. Mit einer schweren Reisetasche bepackt mache ich mich auf den Weg - zu Fuß, mit der Bahn, irgendwann barfuß und die Tasche stelle ich am Straßenrand ab. Mein Mann sammelt mich ein und bringt mich zurück. Ab da vergesse ich Paula immer mehr. Alles andere ist wichtiger. Ich möchte Schriftstellerin werden, nicht Mutter. Ich möchte Künstlerin werden, nicht Mutter. Ich möchte Philosophie studieren und nicht auf das Kind aufpassen. Die Wochen vergehen. Ich rauche wie ein Schlot.
Schreibe unsinnige Sprüche auf, esse viel und lebe auf Station wie in einem Ferienlager. Die Mitpatienten werden meine Freunde.
Ich bekomme viel Besuch, telefoniere viel und sehe Paula jeden zweiten Tag. Aber sie ist weit weg. Ich bin zu sehr mit mir selbst beschäftigt. „Die volle Dröhnung bitte“, sage ich bei der Medikamentenausgabe. Und diese Dröhnung treibt mich immer weiter weg von meinem, von unserem Kind.

Ich weiß nicht wann. Aber irgendwann beginnt die Welt wieder klar zu werden. Warum, keine Ahnung. Ich kann immer öfters nach Hause, sogar über Nacht. Und langsam entsteht wieder eine Verbindung zwischen mir und Paula. Zunächst ein dünnes Band, das mit der Zeit immer fester, immer dicker werden wird. Und dann werde ich entlassen. Anfang Oktober, nach drei vollen Monaten, in denen ich sehr viel erlebt habe.

Paula und ich wachsen auch heute noch immer mehr zusammen. Ich denke, das ist ein Prozess, den alle Mütter durchmachen. Nur in unserem Fall hat sich das Zusammenwachsen nach hinten verschoben. Ich bin nun einfach glücklich, dass meine Mutterliebe wieder ganz da ist.
Paula ist ein tolles Kind. Sie ist so fröhlich, ausgelassen. Sie hat ihren eigenen starken Willen.
Unsere Freunde und Familie bilden ein starkes soziales Netz in dem sie aufwächst. Meine Mutter hilft uns sehr viel, und Paula liebt ihre „Moma“. Die Psychose rückt immer weiter weg, und dennoch ist sie latent immer da. Sie kann jederzeit
wieder kommen. Aber ich habe keine Angst mehr davor. Ich tue alles dafür, dass sie nicht wieder kommt. Aber sollte sie uns nochmal heimsuchen, weiß ich, dass wir es meistern werden.